Verschiedenes 2008

Jenny Rütten

Jenny goes to Philippines
Jenny beim Patentreffen 2008
Neues von Jenny

Jenny goes to Philippines

In Gedanken habe ich schon tausendmal gepackt. Mein Flugticket liegt in der Schublade, die Wohnung und der Job sind gekündigt. Am 11. Juli geht es los auf die Philippinen. Ein ganzes Jahr werde ich dort verbringen, in einem kleinen Ort namens Tubod Carmen im Süden der Insel Mindanao. Im Auftrag des deutsch-philippinischen Hilfsprojektes MARIPHIL werde ich dort Deutschkurse anbieten, nicht an irgendeinem Goethe-Institut, sondern an einer einfachen Dorfschule für Kinder einfacher Menschen. Geld bekomme ich keines dafür, das Projekt stellt eine Unterkunft zur Verfügung und deckt meine Verpflegungskosten – für alles andere (Flüge, Krankenversicherung, Fahrtkosten vor Ort, Dinge für persönlichen Bedarf etc) komme ich selber auf. Ich hab ein bisschen Geld gespart, das wird reichen für das Jahr auf den Philippinen und die erste Zeit „danach“

Das vorrangige Ziel des Hilfsprojekt Mariphil ist es, bedürftige Familien bei der Schul- und Berufsausbildung Ihrer Kinder zu unterstützen. Diese Kernaufgabe wird flankiert von Aktionen zur Verbesserung des Umfeldes wie Gesundheitsaktionen, Schulrenovierungen, Erwachsenenbildung, etc. Und da mische ich demnächst so kräftig wie möglich mit.
(Weitere Infos unter www.hilfsprojekt-mariphil.com)

Aus meinem Freundes-, Bekannten- und Kollegenkreis habe ich eine ziemliche Bandbreite von Reaktionen auf mein Vorhaben bekommen. Das reicht von Bewunderung bis hin zu völliger Verständnislosigkeit. Die Frage, warum ich das eigentlich mache, ist ja durchaus berechtigt. Was treibt mich dazu, hier einen relativ sicheren und gut bezahlten Job aufzugeben um unentgeltlich am anderen Ende der Welt zu arbeiten? Und ohne zu wissen, was wird, wenn ich wieder komme. Einige meinen, ich gäbe viel auf, um das zu tun. Ich sehe das nicht so. Entweder man/frau ist angekommen oder eben nicht. Wenn man/frau erkennt, dass er/sie nicht angekommen ist, ist es Zeit zum Weitergehen. Finde ich.

Ich hänge nicht sehr an meiner Wohnung und an meinem Job erst recht nicht. Ich mache einen Job als Koordinatorin von (europäischen) Auslandsaktivitäten an der Europaschule Köln nun seit fast 10 Jahren. Ich mach das ziemlich gut, aber schon zu lange nicht mehr gerne. Da kommt nichts Neues mehr, das ist abgegessen, ausgelutscht, hier kann ich nicht mehr wachsen, mich nicht mehr weiter entwickeln. Und das ist, wonach ich mich sehne: Wachstum, Entwicklung und neue Herausforderungen.

Ob ich denn keine Angst habe, fragen manche. Doch, natürlich, und wie! Aber nicht so viel wie davor, hier und jetzt stecken zu bleiben und auf der Stelle zu treten. Und permanente Langeweile und Unzufriedenheit in Kauf zu nehmen, nur um in einem „gesellschaftlich anerkannten“ Job genügend Geld zu verdienen, um mir Dinge zu leisten, die ich nicht wirklich brauche. (Wie z.B. eine 3-Zimmer-Wohnung, in der ich zu viele Abende alleine vor dem Fernseher verbringe)

Veränderung wäre zugegebenermaßen auch in Deutschland denkbar. Auch hier gibt es viel Not und es gäbe genug „Sinnvolles“ zu tun. Wieso also ausgerechnet die Philippinen? Die sind mir halt „passiert“. Bevor ich vor gut 5 Jahren zum ersten Mal mit meinem damaligen Freund dorthin flog, wusste ich kaum, wo dieses Land liegt. Mein (deutscher) Freund hatte aus seiner Ehe mit einer Philippinin jede Menge familiäre Bindungen auf den Inseln Cebu und Mindanao. Also flogen wir für einen 14-Tage-Urlaub dorthin. Und ich hab mich unheilbar in dieses Land und seine Menschen verliebt, das war nicht geplant, das ist einfach geschehen. Ich war nicht als Touristin dort, sondern als Besucherin, war durch meinen Freund von Anfang an in direktem Kontakt mit den Menschen , habe mit ihnen und bei ihnen gewohnt und bin mit ihnen gereist. By the way, ich hab auf den Philippinen noch nie ein Hotel von innen gesehen. Dieses Leben ohne Schnickschnack und nennenswerten Komfort hat mir von Anfang an gefallen. Eine Matratze, ein Gaskocher, eine Waschgelegenheit. Reisen in den örtlichen Verkehrsmitteln wie Jeepneys und Motorcycles, immer dicht gequetscht zwischen Menschen, Tieren, Reissäcken und diversen Gegenständen. Schiffspassagen in der dritten Klasse, selten hab ich so gut geschlafen wie dort. Immer hab ich mich inmitten meiner philippinischen Freunde geschützt und aufgehoben gefühlt. In einem Land, in dem von Erdbeben und Taifunen bis hin zu politischen Unruhen so ziemlich alle denkbaren Katastrophen passieren können – von Schlangenbissen und Insektenstichen ganz zu schweigen – hab ich mich zum ersten Mal in meinem Leben durchgehend sicher und geborgen gefühlt. That’s it, I think.

Zwischenzeitlich haben mein Freund und ich uns getrennt, aber die Philippinen haben sich mir ins Herz gebrannt, die bin ich nicht mehr los geworden. Ich bin dann zwei Jahre später ganz alleine für einen Monat wieder hingereist, hab Kontakt zu dem Mariphil-Projekt auf Mindanao aufgenommen und dort wunderbare Menschen kennen gelernt. Dort gibt es kein

5-Sterne-Ambiente, kein Satellitenfernsehen und keine Abends-Ausgeh-Kultur. Was es gibt, ist jede Menge Miteinander, abendliches Zusammensein, gemeinsam essen, trinken, lachen, singen, diskutieren. Oder einfach nur da sein. Ganz viel Gemeinschaft und Geborgenheit. Auf den Philippinen ist man nie ungewollt allein.

Das ist kein falsch platzierter Romantizismus. Die philippinische Alltagsrealität ist knallhart, geprägt von extremer materieller Armut, Arbeitslosigkeit und dem daraus resultierenden Kampf ums Überleben, um genug zu essen, um eine bessere Zukunft für die Kinder. Und trotzdem sind die Menschen dort freundlicher, herzlicher, offener und kommunikativer als ich es irgendwo in Deutschland oder Europa erlebt habe.

Meine Arbeit im Rahmen des Mariphil-Hilfsprojektes gibt mir die Chance, Teil eines größeren Ganzen zu sein und aktiv an der Verbesserung der dortigen Lebensumstände mitzuwirken. (Deutschkenntnisse bedeuten eine zusätzliche Qualifikation junger Menschen z.B. für Bewerbungen im Bereich Tourismus oder Hotelfachwesen oder können eine gute Grundlage sein für einen Aufenthalt in Deutschland z.B. als Aupair-Mädchen.) Weitere Aufgaben in Zusammenarbeit mit den philippinischen Mitgliedern von Mariphil, wie z.B. regelmäßige Schulungen in Zahnpflege und/oder allgemeiner Gesundheitsvorsorge werden vermutlich dazu kommen. Ich freue mich darauf, mein Wissen zu teilen, um miteinander und voneinander zu lernen. Ich freue mich darauf, neue Bindungen aufzubauen. Ich freue mich darauf gebraucht zu werden und willkommen zu sein.

Die Bindungen an meine deutschen Freundinnen und Freunde werden entweder weiter bestehen oder sind es nie gewesen. Es gibt Internet und Telefon. Und vielleicht ein Revival des altmodischen Briefkontaktes. Auch darauf freu ich mich.

Ich habe keine Ahnung, was passieren wird, wenn ich wiederkomme.

Für eine kurze Weile hab ich erst mal Anspruch auf Arbeitslosengeld. Vielleicht setze ich mich hin und schreibe ein Buch über meine Erlebnisse. Vielleicht will das Buch dann sogar jemand kaufen. Oder lesen. Oder sogar beides. Vielleicht auch nicht. Vielleicht such ich mir einen neuen Job in Deutschland. Vielleicht halte ich’s hier gar nicht mehr aus und gehe zurück nach Mindanao.

Vielleicht finde ich auch mit 49 Jahren dann gar keinen Job mehr und lebe irgendwann von Hartz IV, dann bin ich übrigens immer noch weit wohlhabender als der Großteil meiner philippinischen Freunde.

Und ich hab auf mein Herz gehört. Nur darauf kommt es an.

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Mit folgenden Ortsmarken können Sie in Google-Earth das Projektgebiet von Mariphil “besuchen”:

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Mariphil
Projekthaus

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Mariphil
Light to Learn
Solarprojekt

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Mariphil
Tubod-Carmen
Elementary-School

Jenny beim Patentreffen 2008

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Jenny Rütten beim Mariphil-Patentreffen 2008

Neues von Jenny

15. Juli 2008:

Jenny ist in Tubod angekommen und beginnt sich an die andere Umgebung und die fremdartigen Geräusche von draussen zu gewöhnen. Die Balik-Bayan-Boxen sind auch schon angekommen, so konnte Jenny den Laptop auspacken und ihre ersten Eindrücke fixieren.
Besonders beeindruckt war Jenny von der Geschwindigkeit mit der sich Ihre Ankunft in Tubod rumgesprochen hat und der Gastfreundschaft, mit der Sie von den Menschen empfangen wurde.
 

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